Navigation

ÜBER DIESES PROJEKT

Unsere beiden AudioWalks nehmen Sie mit auf eine Reise durch das jüdische Czernowitz und Chişinău und ermöglichen Ihnen, viele der fast vergessenen Orte des jüdischen Lebens in den Städten zu entdecken.

Nutzen Sie unsere Multimedia-Karten und erkunden Sie dabei das Archivmaterial sowie die Familienbilder und persönlichen Geschichten von 21 jüdischen Holocaust-Überlebenden, um einen einzigartigen Einblick in das vielfältige jüdische Erbe dieser beiden europäischen Städte zu erhalten.

Jüdischer Friedhof
Jüdischer Friedhof

Jüdischer Friedhof

Element 340
Strada Milano 1
00:00
00:00
  • No title 00:00

Etwas außerhalb des Stadtzentrums liegt der jüdische Friedhof von Chișinău. Der Friedhof beeindruckt durch seine Größe. Etwa 25.000 Gräber auf rund einer Million Quadratmetern Fläche, die kaum zu überblicken ist. Den besten Blick hat man wohl aus den oberen Geschossen des zehnstöckigen Wohnblocks, der heute direkt an die Friedhofsmauer angrenzt.

Ende 2018 wurde mit der Instandsetzung des lange vernachlässigten Friedhofs begonnen. Doch nach wie vor sind ganze Bereiche stark beschädigt oder kaum zugänglich, Gestrüpp überwuchert die Gräber und Wege. Überall finden sich zerbrochene oder umgefallene Grabsteine. Ein großer Teil der Gräber im östlichen Teil stammt noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. In einem Centropa-Interview erinnert sich Boris Dorfmann an seine Großmutter Brucha Zinger, geborene Rosenfeld, die in den 1860er Jahren in Chişinău geboren wurde und während der rumänischen Zeit auf dem Friedhof ihre letzte Ruhe fand:

Ich erinnere mich an meine Großmutter, als sie alt war. Sie war eine kleine, korpulente Frau, die immer ein schwarzes Kleid trug. […] Meine Großmutter starb 1937. Sie hatte eine traditionelle jüdische Beerdigung. Es waren viele Leute bei der Beerdigung – fast die ganze Stadt kam, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Sie wurde den ganzen Weg zum jüdischen Friedhof am Rande der Stadt getragen. An ihrem Grab wurde ein Trauergebet gesprochen. Der Friedhof wurde nach dem Krieg zerstört, als die sowjetischen Behörden versuchten, die Erinnerung an die Juden, die in dieser Stadt gelebt hatten, zu zerstören. Jetzt gibt es an dieser Stelle einen Park, der heute fast zum Zentrum von Chișinău gehört.

Tatsächlich war der jüdische Friedhof bis Ende der 1950er Jahre erheblich größer, wie auch historische Aufnahmen belegen. Der älteste Teil, der um 1820 angelegt wurde, musste dem Parcul Alunelul weichen. Nur der obere Teil des Friedhofs blieb erhalten und wird bis in die Gegenwart als jüdische Begräbnisstätte genutzt.

Wer das Eingangstor passiert und sich gleich links an der Friedhofsmauer entlang bewegt, gelangt in den ältesten Teil des erhaltenen Friedhofs. Die Friedhofsmauer selbst lohnt einen Blick: Immer wieder verweisen Inschriften und Zeichen auf Steinen darauf, dass Grabsteine des aufgelassenen Friedhofs für den Bau der neuen Mauer verwendet wurden.

Im ältesten Teil angekommen, stößt man auf die Beit Taara, die Ruine der ehemaligen Trauer- oder Grabessynagoge. Das Gebäude ist in desolatem Zustand, deutet aber seine einstige Erhabenheit an. Hier wurden die rituellen Vorbereitungen für Begräbnisse vorgenommen, das ritualisierte Waschen des Leichnams sowie das Anlegen des Leichentuchs. Ganz in der Nähe der Ruine befindet sich das Gräberfeld der Opfer der Pogrome 1903; es sind zugleich die ältesten Grabstätten auf dem Friedhof. Unter einem auffallenden Grabmal aus rotem Backstein liegen die während des Pogroms geschändeten Thorarollen begraben.

Die Mehrzahl der Gräber stammt aus dem 20. Jahrhundert, viele aus der sowjetischen Zeit. Auch die Familie von Bella Chanina liegt hier begraben:

Ende der 1940er Jahre kehrte die Großmutter aus Moskau nach Chișinău zurück. Sie vermisste Moldawien. Sie starb 1950. Wir begruben meine Großmutter auf dem jüdischen Friedhof, und, wie erforderlich, wurde sie in ein Takhrikhim, ein Leichentuch gewickelt. Meine Mutter erlaubte mir nicht, auf den Friedhof zu gehen: Diejenigen, deren Eltern leben, sollten nicht auf den Friedhof gehen. Ich erinnere mich an die Trauer meiner Mutter. […] Auf dem Friedhof gab es eine ebene Fläche und dann einen Abhang. Heute befindet sich das Grab meiner Oma am Eingang des Friedhofs, da das ehemalige Gelände des Friedhofs in den 1960er Jahren zu einem Park umgewandelt wurde.

Auf dem Friedhof finden sich einige Gräber von bekannten Persönlichkeiten. Folgt man dem Hauptweg etwas geradeaus, gelangt man kurz vor einer Abzweigung auf der rechten Seite zum Grab von Ihil Shraibman. Seine Lebensgeschichte hat der bekannte jiddische Schriftsteller im Jahr 2004, ein Jahr vor seinem Tod, in einem Centropa-Interview geschildert. Wenige Meter weiter auf der linken Seite findet sich die Grabstätte von Lazar Voliovich, einem bekannten Arzt aus Chișinău. Auch über sein Leben wird in Centropa-Interviews berichtet.

Nicht alle Toten der jüdischen Gemeinde von Chişinău sind auf dem jüdischen Friedhof beerdigt. Auf dem riesigen Friedhof „St. Lazar“, weit im Norden der Stadt, einer der größten Friedhofsanlagen Europas, gibt es ebenfalls Segmente, die jüdischen Gräbern vorbehalten sind. Hier sollen sich über 10.000 weitere jüdische Gräber befinden.

Weiterlesen