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ÜBER DIESES PROJEKT

Unsere beiden AudioWalks nehmen Sie mit auf eine Reise durch das jüdische Czernowitz und Chişinău und ermöglichen Ihnen, viele der fast vergessenen Orte des jüdischen Lebens in den Städten zu entdecken.

Nutzen Sie unsere Multimedia-Karten und erkunden Sie dabei das Archivmaterial sowie die Familienbilder und persönlichen Geschichten von 21 jüdischen Holocaust-Überlebenden, um einen einzigartigen Einblick in das vielfältige jüdische Erbe dieser beiden europäischen Städte zu erhalten.

Licurici Puppentheater
Licurici Puppentheater

Französisches Gymnasium Jeanne D’Arc

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Straße des 31. August 1989
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Wohlhabende jüdische Familien in Chișinău schickten ihre Kinder häufig auf angesehene Schulen. In direkter Nachbarschaft zum Liceul Principesa Natalia Dadiani befand sich mit dem französischen Gymnasium Jeanne d’Arc eine weitere höhere Mädchenschule, die keineswegs nur von jüdischen Schülerinnen besucht wurde. Die Zugangsbeschränkung war hier eher finanzieller Natur.
Eine der jüdischen Schülerinnen des Jeanne d’Arc-Gymnasiums war in den 1930er Jahren Polina Leibovich. Sie wurde 1924 in Chișinău geboren und stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie. Im Centropa-Interview, das im Jahr 2004 geführt wurde, erinnert sie sich an ihre Schulzeit:

Nach dem Abschluss der Grundschule besuchte ich das französische Gymnasium Jeanne d’Arc. Es war ein privates Gymnasium, das prestigeträchtigste und teuerste der Stadt. Für das Dadiani-Gymnasium und das Regina-Maria-Gymnasium gab es ein Bewerbungsverfahren, aber nicht für das Jeanne d’Arc. Sie verlangten viel Geld und nahmen alle auf, die es sich leisten konnten, ihre Kinder dorthin zu schicken. Wir hatten Lehrer aus Frankreich, Monsieur Clemant, den Französischlehrer, Madame Pobelle und Madame Pizolit. Sie waren intelligente und gebildete Menschen, die die Etikette kannten. Wir hatten Sommer- und Winteruniformen. Die Winteruniform bestand aus einem schwarzen Kleid mit weißem Kragen und dem Schulwappen darauf, dunkelblauen Mänteln und Hüten mit kleinen Rändern, verziert mit einem Band aus demselben Stoff. Im Sommer trugen wir Röcke und weiße Blusen. Als die Faschisten in Rumänien an die Macht kamen, begannen wir, eine schlichte, militärisch anmutende Uniform zu tragen.

[…] Meine Lieblingsfächer im Gymnasium waren Botanik und Naturwissenschaften. Ich mochte Flora und Fauna, aber die französische Sprache war mein Favorit. […] Unsere Lehrer sagten uns, dass wir laut lesen müssten, um uns selbst zu hören, um die Aussprache zu beherrschen. Ich konnte Bücher auf Französisch lesen, und das half mir, meinen Wortschatz zu erweitern. Ich habe immer neue Wörter im Wörterbuch nachgeschlagen. In Mathematik war ich nicht so gut, und in den höheren Klassen stellten meine Eltern sogar einen Privatlehrer für mich ein. In Chișinău war es ganz normal, dass man Absolventen des Gymnasiums oder Oberstufenschüler für Privatunterricht einstellte, also hatte ich einen. Es waren hauptsächlich Juden, da es für Juden schwieriger war, in Chișinău Arbeit zu finden.

Im Jeanne d’Arc-Gymnasium gab es keinen Antisemitismus. Meine engste und beste Freundin war Mania Feider, ein jüdisches Mädchen. Ihr Vater war Handelsvertreter, und ihre Mutter war Hausfrau. Sie waren wohlhabend, aber sie besaßen kein Haus. Sie mieteten eine Wohnung. Wir verbrachten unsere gesamte Freizeit miteinander. […] Wir vertrauten uns gegenseitig unsere Geheimnisse an und lasen zusammen Bücher. Mania und ich strickten und stickten gerne. Mania ging während des Krieges im Chișinăuer-Ghetto zugrunde.

Polina Leibovich überlebte den Holocaust, kehrte nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Chișinău zurück und arbeitete als Französisch-Lehrerin. Das Gebäude des französischen Gymnasiums Jeanne d’Arc existiert heute nicht mehr. Heute befindet sich hier, etwas zurück versetzt von der Straße, die 1991 fertiggestellte Spielstätte des Licurici Puppentheaters.

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