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ÜBER DIESES PROJEKT

Unsere beiden AudioWalks nehmen Sie mit auf eine Reise durch das jüdische Czernowitz und Chişinău und ermöglichen Ihnen, viele der fast vergessenen Orte des jüdischen Lebens in den Städten zu entdecken.

Nutzen Sie unsere Multimedia-Karten und erkunden Sie dabei das Archivmaterial sowie die Familienbilder und persönlichen Geschichten von 21 jüdischen Holocaust-Überlebenden, um einen einzigartigen Einblick in das vielfältige jüdische Erbe dieser beiden europäischen Städte zu erhalten.

Shlima Goldstein, zweite von rechts in der ersten Reihe
Shlima Goldstein, zweite von rechts in der ersten Reihe

Jüdisches Waisenhaus

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Strada Alexandru Lapusneanu 8
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Im Jahr 1920 wurde in der Ostrowskaja Straße 8, heute Strada Alexandru Lapusneanu, ein Waisenhaus für jüdische Mädchen eröffnet. Gründerin der Einrichtung war Elena Abramovna Babich, eine angesehene Frau in Chișinău, die sich neben den Waisen auch um jüdische Witwen und Arme kümmerte, die unter den Folgen des Ersten Weltkriegs litten oder vor Pogromen aus der Ukraine nach Chișinău geflüchtet waren.

Eines der Mädchen, das im jüdischen Waisenhaus große Teile seiner Kindheit verbrachte, war Shlima Goldstein, geboren am 17. Februar 1930 – einen Tag nach dem Tod ihres Vaters. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester lebte sie dort bis zur Schließung der Einrichtung 1940. Im Centropa-Interview erinnerte sie sich an das Leben außerhalb der Familie:

Das Waisenhaus war in einem zweistöckigen Gebäude untergebracht. Es gab zwei Schlafzimmer im Erdgeschoss, eines für ältere Mädchen und eines für kleine Kinder. Im Erdgeschoss gab es auch ein großes Ess- und Wohnzimmer, in dem wir aßen, spielten und in dem die älteren Mädchen ihre Hausaufgaben machten. Wir trugen schwarze Uniformröcke mit weißen Kragen und ließen sie einmal pro Woche waschen. Wir duschten auch einmal pro Woche im Waisenhaus. Einmal im Monat gingen wir in ein öffentliches Bad. In dem Bad wurden auch unsere Kleider behandelt, um sie vor Läusen zu schützen, während wir baden gingen. Einmal blieb ich bis spät in der Badewanne und kam zu spät zum Abendessen. Der Koch gab mir die übrig gebliebene Suppe: sie war dickflüssig, mit Nudeln, Bohnen und Fleisch, und ich aß nach Herzenslust und erinnerte mich lange an diese Suppe und dachte, wie viel Glück ich gehabt hatte.

Denn es gab nicht genügend zu essen im Waisenhaus. Wir hatten hauptsächlich gekochtes Getreide wie Brei, Perlgraupen, Hirse, und zum Mittagessen gab es eine dünne Suppe mit einer Scheibe Brot, aber ohne Butter oder Öl. […] Selten gab es Fleisch oder Fisch – nur an den Feiertagen. Ich erinnere mich, dass ich immer davon träumte, so viel zu essen, wie ich wollte. Den anderen Mädchen ging es genauso. […] Zum Nachmittagsimbiss gab es eine Scheibe Brot und gebackene Apfelscheiben, die uns wie eine Delikatesse vorkamen. Die Äpfel wurden im Garten gepflückt, der zum Waisenhaus gehörte. Er war von einem hohen Zaun umgeben, und wir konnten nur die obersten Äste der alten Bäume sehen. Wir durften nicht in den Garten gehen. Als wir Religionsunterricht bekamen, lernte ich die Hölle und das Paradies kennen. Ich stellte mir vor, dass dieser Garten das Paradies sei, und ich wollte so gerne dorthin gehen.

Im Waisenhaus befolgten wir jüdische Traditionen. Am Freitag gingen wir in die Synagoge. […] Am Abend zündeten die älteren Mädchen im Waisenhaus Kerzen an, und wir feierten den Sabbat. Wir feierten auch jüdische Feiertage im Waisenhaus. Zu Chanukka gab es Kartoffelpuffer, Donuts mit Marmelade und wir bekamen kleine Geschenke. Hätten sie uns nur mehr Pfannkuchen und Donuts gegeben – ich konnte nie genug davon haben. Zu Purim ließen wir uns Kostüme anfertigen: Papierkragen und Masken, und wir sangen fröhliche Lieder. […]
Mein Lieblingsfeiertag war Pessach. Ein paar Tage vor dem Feiertag haben der Hausmeister und seine Frau das Gebäude geweißt, die Vorhänge und Tischdecken gewechselt, und wir wussten, dass der Feiertag bevorsteht. Wir setzten uns an den festlichen Tisch und warteten auf die Patronin unseres Waisenhauses, Helena Babich, und ihren Mann, sie kamen immer zusammen. […] Ich weiß nicht mehr, ob alles Essen nach der Haggada auf dem Tisch stand, aber wir waren froh, dass es heiße Rinderbrühe, Hühnchen, Eier und Kartoffeln gab – es gab genug Essen, um uns glücklich zu machen.

Als 1940 sowjetische Behörden die Verwaltung in Chișinău übernahmen, wurde das jüdische Waisenhaus für Mädchen aufgelöst. Alle Waisen der Stadt wurden in einer zentralen Einrichtung zusammengelegt. Unter ihnen waren auch Shlima Goldstein und ihre Schwester.

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