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ÜBER DIESES PROJEKT

Unsere beiden AudioWalks nehmen Sie mit auf eine Reise durch das jüdische Czernowitz und Chişinău und ermöglichen Ihnen, viele der fast vergessenen Orte des jüdischen Lebens in den Städten zu entdecken.

Nutzen Sie unsere Multimedia-Karten und erkunden Sie dabei das Archivmaterial sowie die Familienbilder und persönlichen Geschichten von 21 jüdischen Holocaust-Überlebenden, um einen einzigartigen Einblick in das vielfältige jüdische Erbe dieser beiden europäischen Städte zu erhalten.

© Loraine, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Choral-Synagoge

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Vlaicu Pircalab Street 75
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Wo heute das Anton-Tschechow-Theater Dramen in russischer Sprache spielt, sang bis 1940 der Kantor der Choral-Synagoge. Eingeweiht wurde die große Synagoge im September 1913. Im Zuge der Feierlichkeiten sangen die Anwesenden noch „Gott, schütze den Zaren!“, die Hymne des Russischen Reiches. Historische Fotografien zeigen das imposante Gebäude, das auch Choral-Tempel genannt wurde, als typischen Synagogenbau dieser Zeit: mit Kuppel und Fassade im maurischen Stil. Reihen aus dunklen Natursteinen und hellen Ziegeln verhalfen der Choral-Synagoge zu ihrem markanten Aussehen. Davon ist heute nichts mehr zu sehen.
Ursprünglich gebaut als Teil der Talmud Tora, einer religiösen Schule der jüdischen Gemeinde, entwickelte sich die Choral-Synagoge rasch zu einem zentralen religiösen Ort für die Juden in Chişinău. Auch in der Familie von Bella Chanina, 1923 hier geboren, spielten sich wesentliche Teile des religiösen Lebens in der Choral-Synagoge ab, wie sie in einem Centropa-Interview schilderte:

Meine Eltern haben immer jüdische Feiertage gefeiert. Ich erinnere mich noch gut daran, dass mein Vater an den Feiertagen seinen schwarzen Anzug anzog und mit meiner Mutter in die Choral-Synagoge, die größte Synagoge in Chișinău, ging. Mein Vater hatte einen kleinen Tallit, den er an den Feiertagen anzog. Manchmal nahmen sie mich mit. Ich saß mit meiner Mutter auf dem Balkon. Die Synagoge war sehr schön, und es waren viele Menschen darin. Der Rabbiner der Choral-Synagoge, Yehuda Zirelson, war […] Abgeordneter des rumänischen Parlaments. Ich habe ihn gesehen, aber ich weiß nicht mehr, wie er aussah. Zirelson kam in den ersten Tagen des Krieges ums Leben. […] Ich erinnere mich auch, dass es in der Choral-Synagoge einen sehr guten Kantor gab.

Auch Riva Belfor, geboren 1934, erinnerte sich an das religiöse Leben in Chişinău vor dem Zweiten Weltkrieg:

1939 zog unsere Familie nach Chișinău. Dort war eine Stelle für einen Schächter frei. Wir mieteten eine Wohnung. Es war eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung in einem Privathaus. Es gab einen Schuppen im Hof, in dem mein Vater seine Arbeit verrichtete. Mein älterer Bruder Motle half meinem Vater, damit er von ihm lernen konnte. Motle war seit seiner frühen Kindheit auf religiöse Aktivitäten vorbereitet worden. […] Vater und Großvater Ihil verbrachten viel Zeit damit, ihn zu unterrichten. Mein Bruder bereitete sich auf den Ritus der Bar Mitzvah vor. Der Ritus wurde von Rabbi Zirelson in der Choral-Synagoge durchgeführt. Danach wurde Motle in einer Jeschiwah, einer Schule zum Tora-Studium eingeschrieben, in der sehr gebildete und religiöse Juden wie Zirelson und Onkel Joseph Epelbaum lehrten.

Das Gebäude der Choral-Synagoge überstand den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet und die Überlebenden der Shoah, die sich in Chișinău aufhielten, hofften darauf, den Bau wieder als religiöses Zentrum nutzen zu können – jedoch vergeblich. Das russische Anton-Tschechow-Theater erhielt den ehemaligen Synagogenbau nach der Instandsetzung als Spielstätte. 1966 wurde das Gebäude schließlich vollständig umgebaut – dieses Mal im Geiste des sowjetischen Rationalismus. Das heutige Gebäude des Anton-Tschechow-Theaters hat daher – außer dem Standort – nichts mehr mit dem Bau von 1913 gemein.

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