Minsk

Entdecken Sie das jüdische Leben in Minsk

Der Holocaust, der in Minsk mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 – der Operation Barbarossa – einsetzte, veränderte unwiderruflich das Schicksal der jüdischen Gemeinde von Minsk, die damals ein Drittel der gesamten Bevölkerung der Stadt ausmachte. Minsker Jüdinnen und Juden mussten in das städtische Ghetto ziehen, das im Vorort Rakauskaye eingerichtet wurde. Auf die ohnehin schon lebensbedrohlichen Umstände folgten Massentötungen im Ghetto und Deportationen zu Vernichtungsorten. Insgesamt wurden bis zu 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung aus Belarus während des Holocausts ermordet.

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Über den Minsker Ghetto AudioWalk

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Dieser AudioWalk wurde vom jüdischen Geschichtsinstitut Centropa und der Geschichtswerkstatt Leonid Levin des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund (IBB) produziert.   Unsere virtuelle Führung stellt das ehemalige jüdische Ghetto und ehemals bedeutsame Orte der jüdischen Gemeinde von Minsk vor.  Die Texte basieren auf Centropa-Interviews mit Minsker Holocaustüberlebenden und auf Archivmaterial der Geschichtswerkstatt Minsk.   Zwischen 2005 und 2006 hat Centropa in Minsk, St. Petersburg, Kiew und Moskau die Lebensgeschichten von 20 der ältesten noch lebenden Jüdinnen und Juden aufgezeichnet, die in Belarus aufgewachsen sind oder dort einen Teil ihres Lebens verbracht haben, und sie gebeten, ihre persönlichen Lebensgeschichten vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg zu erzählen. Die Geschichtswerkstatt verfügt über mehr als 100 gesammelte Interviews von ehemaligen Insassen des Minsker Ghettos. In diesem AudioWalk wird nur ein Bruchteil ihrer Geschichten zu hören sein. Dieser AudioWalk erzählt die Geschichte des Minsker Ghettos anhand von 10 persönlichen Geschichten jüdischer Holocaust-Überlebender, die ihre Erinnerungen in Interviews mit Centropa und dem IBB Dortmund geteilt haben. Sie werden Sie durch das Gebiet des ehemaligen Ghettos und zu den Orten führen, die Sie gleich besuchen werden. Ihre Erinnerungen zeugen von dem Schrecken, das sich hier während des Zweiten Weltkriegs ereignete.
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Einführung in die jüdische Geschichte von Minsk

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Das jüdische Leben in Minsk lässt sich bis ins Jahr 1489 zurückverfolgen, als die Stadt Teil des Großfürstentums Litauen war. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts gehörte die Stadt zum polnisch-litauischen Commonwealth. Im Jahr 1793 wurde Minsk dem Russischen Reich angegliedert. Obwohl auch die jüdische Bevölkerung unter Gewalt und Pogromen zu leiden hatte, wuchs die jüdische Gemeinde kontinuierlich. Ende des 19. Jahrhunderts lebten fast 50.000 Jüdinnen und Juden in Minsk – das bedeutete, dass fast jede zweite in Minsk lebende Person jüdisch war. Minsk beherbergte die viertgrößte jüdische Gemeinde im Ansiedlungsrayon, dem Gebiet des Russischen Reiches, auf das der Aufenthalt von Jüdinnen und Juden beschränkt war. Die jüdische Bevölkerung arbeitete in verschiedenen Berufen, darunter in der Getreide- und Holzindustrie, in der Schneiderei und Schuhmacherei sowie als Hutmacher und Drechsler. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich Minsk zu einem wichtigen kulturellen Zentrum in Osteuropa entwickelt. Die Stadt beherbergte angesehene jüdische Schulen und Jeschiwahs und jüdische politische Bewegungen begannen sich in Minsk und in der gesamten Region auszubreiten, darunter der jüdische Arbeiterbund und die zionistische Bewegung. Die Stadt war eine Hochburg der jiddischen Kultur, und viele jiddischsprachige Publikationen entstanden hier. Als die Region 1919 als Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik in die Sowjetunion eingegliedert wurde, war sie die einzige Sowjetrepublik, die dem Jiddischen den Status einer Amtssprache zuerkannte, da die dortigen Jüdinnen und Juden eine starke Verbindung zur jiddischen Sprache hatten – und sie einen bedeutenden Teil der Bevölkerung ausmachten. Besucherinnen und Besucher, die mit dem Zug in Minsk ankamen, fanden zum Beispiel am Eingang des Bahnhofs in Minsk den Namen der Stadt in vier Sprachen aufgedruckt: Belarusisch, Russisch, Polnisch und Jiddisch. Der Vertrag von Riga teilte Belarus in zwei Teile: Der westliche Teil wurde an Polen angegliedert, während der östliche Teil in der Sowjetunion verblieb. Mit der Zeit verlor die jiddische Sprache ihren offiziellen Status, und die Jüdinnen und Juden waren stalinistischen Repressionen durch Behörden ausgesetzt. Nach dem sogenannten Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der UdSSR übernahmen die sowjetischen Behörden die Kontrolle über das gesamte Gebiet. David Taubkin machte 1941 seinen Abschluss und erinnert sich an das Minsk seiner Jugend: „Ich machte mein Abitur […] Anfang Juni […] Die Klasse war bunt gemischt; wir wussten nicht, wer welcher Nationalität angehörte. […] Außerdem gab es einen bedeutenden Teil der Intelligentsja in Minsk, denn es gab Universitäten, höhere Bildungseinrichtungen, viele technische Schulen und im Allgemeinen war es ein Konglomerat nationaler Minderheiten, darunter Polen, Belarusen und Russen. Aber ein bedeutender Teil der Bevölkerung war die jüdische Bevölkerung. […] Wir wohnten in unserem Haus in einem großen Innenhof und spielten mit Gleichaltrigen alle möglichen Spiele, darunter natürlich auch Krieg. Die Atmosphäre war etwas angespannt, weil es sich anfühlte, als stünden so bedeutende Ereignisse bevor. Nun, die Jungen haben das natürlich nicht bemerkt.” In ihrem Interview mit Centropa beschreibt Larisa Gorelova, eine jüdische Holocaust-Überlebende aus Minsk, ihre Heimatstadt wie folgt:   „Vor dem Krieg war Minsk eine große Stadt und die Hauptstadt der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik, ein kulturelles und industrielles Zentrum. Die Akademie der Wissenschaften und die Staatliche Universität Minsk befanden sich in Minsk. Die breiten, geräumigen Alleen im Stadtzentrum waren mit neuen, modernen Gebäuden bebaut, während es am Stadtrand noch Holzhäuser gab. Während des Großen Vaterländischen Krieges wurde Minsk fast vollständig zerstört, und nach dem Krieg wurde die Stadt sozusagen neu aufgebaut. Ich habe es gesehen, als ich die Stadt viele Jahre später auf einer Geschäftsreise besuchte.“   Wenn Sie die heutige Rakauskaya-Straße entlanggehen, werden Sie einige schöne rote Backsteinhäuser sehen, die die Überreste eines einst überwiegend jüdischen Vororts sind. Dieses Gebiet war geprägt von Synagogen, Jeschiwahs und mehreren Industrieanlagen. Die Juden, die hier lebten, waren meist Kaufleute und Handwerker. Vor dem Ersten Weltkrieg beherbergte fast jedes Gebäude eine Werkstatt, und es gab nur wenige Geschäfte. Wenn Sie in der Rakauskaya-Straße 18 auf das heutige „Turkmenisch-Belarussische Handelshaus“ zugehen, sehen Sie eine ehemalige Suppenküche für weniger privilegierte Mitglieder der Jüdischen Gemeinde. Gleich nebenan, in der Rakauskaya Straße 17, befindet sich das sogenannte Haus von Abram Cherchis, das im klassizistischen Stil erbaut wurde. Früher war es ein Ballsaal und ein Ort für festliche Veranstaltungen. Heute ist das „Rakauski brovar“, die Rakau-Brauerei, eine bekannte Kneipe in Minsk. Ursprünglich war es ein Ort des Lernens. Das 1888 erbaute Gebäude beherbergte eine Jeschiwa – eine Bildungseinrichtung, in der Jungen zu Rabbinern ausgebildet wurden. Um die Jahrhundertwende gab es zahlreiche Synagogen, die den religiösen Bedürfnissen der wachsenden jüdischen Bevölkerung entsprachen. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Minsk 83 Synagogen. Die Große Chorsynagoge wurde 1904 erbaut und war eine der größten Synagogen der Stadt. Bereits in den 1920er Jahren wurden jedoch viele Synagogen von den Sowjets geschlossen, und die Große Chorsynagoge wurde später dem Staatlichen Jüdischen Theater übergeben, das Theaterstücke auf Jiddisch aufführte. Die Große Chorsynagoge fungiert heute als Maxim Gorki Nationaltheater. Von dem früheren Aussehen des Gebäudes ist nicht mehr viel übrig, aber wenn Sie nach rechts gehen und auf die Wand schauen, können Sie einige Reste der ehemaligen Synagogenwand sehen.   Elena Drapkina erinnert sich an ihre Kindheit in den 1930er Jahren:   „Großvater besuchte die Synagoge und unterhielt sich dort wahrscheinlich mit den Gemeindemitgliedern. Meine Eltern gingen nicht in die Synagoge: Sie mussten viel arbeiten, hatten keine Zeit für Gespräche und mussten sich um drei Kinder kümmern. Ich erinnere mich, dass unsere Eltern einmal ins Theater gingen, und wir, mein Bruder und ich, blieben zu Hause. Damals gab es noch keine Schlösser, ich verbarrikadierte die Tür und wir schliefen ein. Wir hörten nicht, wie unsere Eltern aus dem Theater zurückkamen, hörten sie nicht an die Tür klopfen. Papa musste eine Leiter mitbringen, die Treppe hinaufsteigen und durch die kleine Fensteröffnung in das Zimmer im 2. Stock klettern. Als ich älter wurde, gingen wir oft in das jüdische Theater in Minsk. Ich erinnere mich an die Aufführung von Tevye Milkman. Das Theater wurde geschlossen, bevor der Krieg ausbrach.”   Zu den weiteren bemerkenswerten Synagogen gehörte die Große Synagoge, die umgangssprachlich als „Kalte Synagoge“ bezeichnet wurde, da sie in den Wintermonaten oft nicht geheizt wurde. Sie war eine von nur drei Synagogen, die den Zweiten Weltkrieg überlebten, wurde jedoch 1965 abgerissen. Darüber hinaus war die Zaltzman-Synagoge eine weitere religiöse Stätte, die von den ärmeren Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Minsk aufgesucht wurde. Während der deutschen Besatzung wurde sie im Minsker Ghetto als Wohnhaus genutzt, bevor sie in der Sowjetunion zu einem Kino und dann zu einem Pionierzentrum wurde. Mikhail Treister, ein ehemaliger Ghettohäftling, beschrieb die Lebensbedingungen:   „Unsere erste Unterkunft im Ghetto war der Saal des ehemaligen Kinos in der Rakauskaya-Straße, gegenüber der Brotfabrik. Außer uns lebten dort noch etwa hundert andere arme Seelen unter denselben erbärmlichen Bedingungen. Die Familien trennten ihre Wohnräume mit Decken ab.“   Heute gibt es in Minsk drei aktive Synagogen, die nicht in historischen Gebäuden untergebracht sind, während die beiden historischen Gebäude der ehemaligen Zaltzman-Synagoge und der ehemaligen Chorsynagoge umfunktioniert wurden.
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Das Minsker Ghetto

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Der Holocaust veränderte unwiderruflich das Schicksal der jüdischen Gemeinde von Minsk, die damals ein Drittel der gesamten Bevölkerung der Stadt ausmachte.  Angesichts der drohenden deutschen Besatzung flohen 98.000 Menschen aus der Hauptstadt, darunter 45.000 Jüdinnen und Juden. Einigen von ihnen gelang die Evakuierung in die östlichen Regionen der UdSSR. Etwa 80.000 Jüdinnen und Juden saßen jedoch in Minsk fest.  Mit Beginn der Operation Barbarossa, dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, kam es in den besetzten Gebieten zu Pogromen und Hinrichtungen, die sich gegen die jüdische Bevölkerung richteten. Die jüdische Bevölkerung begann stetig zu schrumpfen. Rita Kazhdan, eine Überlebende des Minsker Ghettos und Interviewpartnerin von Centropa, beschreibt die ersten Tage der Besetzung von Minsk:  „Am 22. Juni 1941 brach der Große Vaterländische Krieg aus. Meine Eltern arbeiteten an diesem 22. Juni, als der Krieg ausgerufen wurde. Es war ein Sonntag. Alle waren schockiert und in Panik, aber niemand glaubte, dass es wahr war. Am 24. Juni begannen die Deutschen ab dem frühen Morgen mit der Bombardierung von Minsk. Meine Eltern glaubten nicht, dass sie Minsk wirklich bombardieren würden. Meine Eltern gingen zur Arbeit. Ich blieb zu Hause mit dem Hausmädchen. Um 12 Uhr kam Mutter von der Arbeit gerannt. Als die massive Bombardierung von Minsk begann, gingen wir mit dem Hausmädchen und meinem Bruder die Treppe hinunter in den Luftschutzkeller. Die Luftzufuhr wurde unterbrochen, und um nicht zu ersticken, gingen wir auf die Straße und sahen, wie die Bomben mit einem schrecklichen Lärm auf die Stadt fielen.“ Anfang Juli wurden viele jüdische Männer und andere Zivilistinnen und Zivilisten getötet. Am 19. Juli 1941 erließ die Wehrmacht einen Befehl zur Errichtung eines Ghettos in Minsk im Vorort Rakauskaye, dem ältesten und ärmsten Teil der Stadt. Der Befehl legte die Grenzen des Ghettos unweit des Stadtzentrums klar fest und umfasste etwa 40 Straßen und Gassen im nordwestlichen Teil der Stadt in der Nähe des Jubiläumsplatzes und den jüdischen Friedhof  mit einer Gesamtfläche von 2 km². Es war von dicken Stacheldrahtreihen umgeben. Das Minsker Ghetto war nach dem Lemberger Ghetto das zweitgrößte in der Sowjetunion.   Die jüdische Bevölkerung von Minsk, die bis dahin Seite an Seite mit ihren nichtjüdischen Nachbarn gelebt hatte, bekam nur fünf Tage Zeit, um ihre Habseligkeiten zu sammeln und ins Ghetto zu ziehen, wie sich Elena Drapkina erinnert:  „Als die Deutschen in die Stadt kamen, gaben sie bekannt, dass sich alle Juden in einem Bezirk versammeln sollten. Diejenigen Juden, die in dem genannten Bezirk wohnten, mussten in ihren Häusern bleiben, und Russen mussten die Wohnungen verlassen. Unser Haus lag auf der russischen Seite der Straße. Wir hatten keine Zeit, unsere Wohnung zu wechseln, aber auf dem Ghettogebiet lebte Vaters jüngerer Bruder Onkel Tolya, er hatte ein kleines Zimmer von 14 Quadratmetern und eine winzige Küche von 5 Quadratmetern im Erdgeschoss.“ Auch Rita Kazhdan, eine Freundin von Elena Drapkina, erinnert sich an den Tag, an dem ihre Familie gezwungen wurde, ihr Haus zu verlassen:  „Am 25. Juli wurden wir in das Ghetto getrieben. Sie riegelten das Gebiet mit Draht ab. Dort kamen wir bei der Familie von Mamas Freund unter. Vater ließ sich als Elektriker in der Druckerei nieder, wo Mayer, der Mann von Mamas Schwester, arbeitete und die Familie versorgte. Zu dieser Zeit hatten wir nichts – alles brannte mit dem Haus ab. Auf Anordnung der Behörden mussten wir die Liste aller Untermieter unseres Hauses abgeben.“ Die Überbelegung war ein ernstes Problem im Minsker Ghetto. Pro Person standen etwa 1,5 m² Wohnfläche zur Verfügung, und mehrere Familien mussten in einem Zimmer leben. Lebensmittel waren Mangelware: Kartoffelschalen dienten als Grundnahrungsmittel, ebenso wie Essensreste, die die Arbeiter auf dem Weg zur Arbeit in der Stadt außerhalb des Ghettos auflesen mussten.  Eine der Arbeiterinnen war die junge Elena Drapkina, die erzählt:  „Juden, die nicht ins Ghetto umgezogen waren, liefen Gefahr, hingerichtet zu werden. Wir waren also in diesem kleinen Raum untergebracht. Juden durften nur auf dem Ghettogelände wohnen. Aber solange das Ghetto noch nicht mit Stacheldraht umzäunt war, konnten wir für eine gewisse Zeit hinausgehen, um etwas zu essen zu finden, obwohl das verboten war. Als das Gebiet eingezäunt wurde wurde eine Arbeitsbörse eingerichtet und die Leute gingen dorthin. Auch mein Papa und ich gingen dorthin.“ Die Situation im Ghetto war schrecklich, und die ohnehin schon geschwächten und hungernden Bewohnerinnen und Bewohner mussten unter unhygienischen Bedingungen und ohne Medikamente, Wasser und Strom auskommen.  In den von den Nazis besetzten Städten mussten Juden und Jüdinnen gelbe Abzeichen an ihrer Kleidung tragen, damit sie zu erkennen waren. In Minsk handelte es sich um Abzeichen mit einer speziellen runden Form. Zunächst wurden die Hinrichtungen jüdischer Gefangener auf dem Gebiet des Minsker Ghettos durchgeführt. Die Massentötung der Minsker Jüdinnen und Juden nahm bald einen systematischen Charakter an, sodass Tausende von jüdischen Menschen getötet wurden.   Die Nazis entwickelten einen speziellen Mechanismus, der den allmählichen, gezielten und systematischen Massenmord an Jüdinnen und Juden, einschließlich Frauen, Kindern und älteren Menschen, ermöglichte. Ständige Razzien und nächtliche Pogrome waren Teil der Bemühungen der Nazis, das Minsker Ghetto über einen bestimmten Zeitraum hinweg zu liquidieren. Parallel zu diesen Razzien wurden Menschen auf der Straße aufgegriffen und verschleppt.  Jeden Tag wurden Menschen im Ghetto getötet. Zeitzeugen erinnern sich an zehn große Pogrome. Zwischen November 1941 und Oktober 1942 transportierten die Nazis mehr als 23.000 Jüdinnen und Juden aus Deutschland, Österreich und dem Protektorat Böhmen und Mähren nach Minsk, von denen viele in Blahauschyna, in der Nähe des Dorfes Maly Trastsianets ermordet wurden. Das letzte Pogrom, das die verbliebene Ghettobewohnerschaft vernichtete, fand am 21. und 23. Oktober 1943 statt.  Innerhalb des Minsker Ghettos gab es ein zweites, kleineres Ghetto, in dem deportierte Jüdinnen und Juden aus Deutschland, Österreich und dem Protektorat Böhmen und Mähren untergebracht waren. Es trug den Namen Sonderghetto. Ab November 1941 wurden jüdische Häftlinge, die mit 7 Zügen in Minsk ankamen, dort untergebracht. Ein Großteil der Passagiere späterer Züge wurde direkt nach ihrer Ankunft in den Blahauschyna-Wald geschickt, wo sie schließlich getötet wurden. Einigen der Ghettohäftlinge gelang die Flucht, da viele der Häuser im Ghetto über Schutzräume – Malinas – verfügten, in denen ganze Familien untergebracht werden konnten. Das Minsker Ghetto verfügte über ein ausgedehntes Untergrundnetzwerk von Widerstandskämpfern und Kämpferinnen, die eines der “Krankenhäuser für ansteckende Krankheiten” im Ghetto als Treffpunkt nutzten, obwohl es ein Ort war, an dem während des Krieges Verwundete behandelt wurden. Bereits im Sommer 1941 bildeten die belarusischen Jüdinnen und Juden einen Widerstand im Untergrund, der die Flucht aus dem Ghetto organisierte und verschiedene Partisaneneinheiten in den Wäldern außerhalb von Minsk leitete. Der Ghetto-Untergrund bestand bis zur Liquidierung des Ghettos im Jahr 1943 mit insgesamt 22 Untergrundgruppen im Ghetto. Es gibt keine genauen Zahlen über die Zahl der Todesopfer im Minsker Ghetto zwischen Sommer 1941 und Herbst 1943. Schätzungen auf der Grundlage von Archivmaterial und Dokumenten schwanken jedoch stark zwischen 60.000 und 92.000 jüdischen Toten. Das Ghetto wurde im Oktober 1943 von den Nazis aufgelöst, und nur ein paar Dutzend Menschen konnten sich bis zur Befreiung von Minsk durch die Rote Armee im Juli 1944 in einem Haus im Ghetto verstecken. Auch wenn einige Menschen aus dem Ghetto fliehen konnten, überlebten die meisten von ihnen den Krieg nicht. Insgesamt wurden bis zu 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung aus Belarus während des Holocausts ermordet. Während viele Jüdinnen und Juden nach dem Zweiten Weltkrieg nach Belarus zurück kehrten, zogen andere es vor, in anderen Teilen der Sowjetunion zu leben, die mehr Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten boten. Nach dem Krieg hatten viele Überlebende Hoffnung auf ein neues Leben, aber standen vor großen Herausforderungen. Sie lernten, ein neues Leben zu führen, aber gleichzeitig waren viele mit dem sowjetischen Antisemitismus konfrontiert. Nach der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 wurde das Land für viele sowjetische Jüdinnen und Juden ein sehr begehrter Ort zum Leben, aber angesichts der geschlossenen Grenzen der UdSSR konnten nur wenige vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 ausreisen. Nachdem sie die Hölle der Ghettos und Konzentrationslager durchlebt hatten, versteckten sie in der Sowjetunion ihre Vergangenheit aus Angst vor erneuter Verfolgung. Als Belarus 1991 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unabhängig wurde, erwachte das jüdische Gemeindeleben wieder zum Leben, und die ehemaligen Ghetto-Häftlinge begannen erst zu dieser Zeit ihre Geschichten zu erzählen. Überall in der Stadt erinnern heute Denkmäler und Gedenkstätten an das einst blühende jüdische Leben in Minsk – und unterstreichen einige der dunkelsten Momente in der Geschichte der Stadt. Seit dem Zweiten Weltkrieg konzentriert sich die jüdische Bevölkerung von Belarus in städtischen Zentren wie Minsk.
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Alle Stationen des Minsker Ghetto AudioWalk

1. Eingang zum Ghetto

Als die Nazis im Juni 1941 in Belarus einmarschierten, wurden die Jüdinnen und Juden von Minsk und Umgebung gezwungen, innerhalb von fünf Tagen in das Ghetto zu ziehen. Das Ghetto wurde im armen Vorort Rakauskaye eingerichtet. Ab November 1941 war das Gebiet mit Stacheldraht umgeben, und die Menschen durften es nur in Arbeitskommandos verlassen.

2. Jubiläumsplatz

Heute ist der Jubiläumsplatz – auf Belarusisch: Jubilejnaja-Ploschad – ein Ort der Unterhaltung, an dem sich z. B. das Belarussische Kino befindet. Während der deutschen Besatzung war er jedoch der zentrale Ort des Minsker Ghettos und damit Ort zahlreicher Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung.

One of the remaining buildings on the site of the former special ghetto

3. Sonderghetto

Im November 1941 wurden zwei “Sonderghettos” für die 7.000 aus Westeuropa nach Minsk deportierten Jüdinnen und Juden eingerichtet, die isoliert von den Minsker Jüdinnen und Juden lebten. Um Platz zu schaffen, ermordeten die Sicherheitspolizei und die SS Tausende belarussischer Jüdinnen und Juden.

4. Krankenhaus für Infektionskrankheiten / Musikschule

Der organisierte Widerstand gegen die deutsche Besatzung in Minsk begann bereits im August 1941. Das Gebäude, das heute eine Musikschule beherbergt, diente zur Zeit des Minsker Ghettos als Krankenhaus und Stützpunkt der Untergrundbewegung.

5. Jüdischer Friedhof / Gedenkplatz

Der jüdische Friedhof wurde im 19. Jahrhundert gegründet. Während des Zweiten Weltkriegs führten die deutschen Besatzer hier Massenerschießungen durch. Tausende von Jüdinnen und Juden wurden auf dem Friedhofsgelände ermordet und in Massengräbern verscharrt. Heute erinnert hier das Denkmal „Stuhl und Tisch“ an die Ermordeten.

6. Geschichtswerkstatt Leonid Levin Minsk

Vor dem Krieg war das Haus, in dem sich heute die Leonid Levin Geschichtswerkstatt befindet, im Besitz der Familie Biarkouski. Leib Biarkouski war Wächter des nahe gelegenen jüdischen Friedhofs. Während der Zeit des Minsker Ghettos befand sich in diesem Haus ein Geheimversteck für Jüdinnen und Juden, das als sogenannte Malina fungierte.

The sculptural composition “The Last Way” of the “Yama” memorial (architect Leonid Levin, sculptors Aliaksandr Finsky, Elsa Pollak)

7. Das Gruben-Denkmal / “Yama”

Das im Herzen von Minsk gelegene so genannte Yama dient als Hauptgedenkstätte für die belarusischen Opfer des Holocaust. Die riesige Gedenkstätte befindet sich an dem Ort, an dem am 2. und 3. März 1942 mehrere tausend jüdische Bewohner des Minsker Ghettos erschossen wurden. Der älteste Teil, der “Obelisk”, wurde bereits 1946 aufgestellt.

8. Tuchynka

Tuchynka war ein Dorf in der Nähe von Minsk, in dem Jüdinnen und Juden während der deutschen Besatzung ermordet wurden. Die Massenerschießungen wurden außerhalb der Stadt durchgeführt, um weniger Aufmerksamkeit zu erregen. Heute befindet sich hier eine Gedenkstätte für die 14.000 ermordeten Menschen.

9. Gedenkstätte am ehemaligen Vernichtunslager Maly Trastianets

Maly Trastianets war zunächst ein Ort der Massenerschießungen und systematischen Vernichtung von Jüdinnen und Juden. Die ersten Massenerschießungen fanden 1942 im Blahauschyna-Wald etwa 13km von Minsk entfernt und unweit des Dorfes Maly Trastianets statt. Im Mai 1942 wurde der Ort zu einer systematischen Tötungsstätte.

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