Chișinău

Erkunden Sie das jüdische Leben in Chişinău

Dieser AudioWalk erweckt Chişinăus jüdische Geschichte wieder zum Leben. Entdecken Sie die einzigartige Atmosphäre dieser multiethnischen Stadt, die für ihre große und lebendige jüdische Gemeinde bekannt war. Orte der Gewalt sowie des kulturellen Austauschs werden sichtbar, wenn Sie den Erinnerungen von dreizehn jüdischen Holocaust-Überlebenden lauschen. Ihre persönlichen Geschichten, die sie in Centropa-Interviews erzählten, verbinden die Vergangenheit mit der Gegenwart und führen Sie durch die Stadt.

Der Chişinău AudioWalk wurde von Centropa, dem Büro für Erinnerungskultur, der jüdischen Gemeinde Moldawiens, Maghid – Jewish Heritage Moldova und EcoVisio entwickelt.

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Über den Chişinău AudioWalk

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In Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Chișinău, mit Maghid – Jewish Heritage Moldova und der NGO EcoVisio entwickelten das jüdische Geschichtsinstitut Centropa und das Büro für Erinnerungskultur aus Babenhausen einen AudioWalk, der die Geschichte des jüdischen Lebens in Chișinău erfahrbar macht.

Dieser AudioWalk entstand aus Archivmaterial, das in historischer Forschungsarbeit von Irina Shikhova, Diana Dumitru, Holger Köhn, Christian Hahn sowie Maximilian von Schoeler gesammelt und ausgewertet wurde. Der AudioWalk beleuchtet diverse Schauplätze jüdischen Lebens; und bietet dem Nutzer einen Einblick in die jüdische Geschichte von Chișinău.

Die im AudioWalk präsentierten historischen Hintergrundinformationen werden durch persönliche Erinnerungen ergänzt, die dreizehn von Centropa interviewte jüdische Zeitzeugen mit uns teilen. Sie nehmen uns mit in das Chișinău ihrer Kindheit und Jugend – und so können wir in die einmalige Atmosphäre dieser multiethnischen und kulturell reichen Stadt vor dem Zweiten Weltkrieg eintauchen. Wir erfahren auch von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, von den Jahren unter der Sowjetherrschaft bis 1991 und der Wiederbelebung jüdischen Lebens nach der Unabhängigkeit.
Dieser sehr persönliche Einblick in die Lebenswelten der jüdischen Bewohner von Chișinău erweckt die jüdische Geschichte dieser Stadt vor Ort wieder zum Leben, macht sie erfahr- und hörbar und verknüpft sie mit der Gegenwart.

Jüdisches Leben gibt es in Chişinău nachweislich seit Anfang des 18. Jahrhunderts. 1774 lebten etwa 600 Juden in der moldauischen Stadt, die um 1800 rund 7.000 Einwohner zählte. Zu der Zeit stand die kleine Stadt unter osmanischer Hoheit. Zwischen 1812 und 1918 gehörte Chişinău dann zum Russischen Reich, als Verwaltungssitz des Gouvernements Bessarabien.

Chişinău war eine multiethnische Stadt, in der neben Juden zahlreiche Russen, Ukrainer und Rumänen, dazu Polen, Deutsche, Armenier, Griechen und Roma lebten. Die Stadt wuchs im Verlauf des 19. Jahrhunderts rasant – und mit ihr der jüdische Bevölkerungsanteil: Im Jahr 1847 lebten über 10.000 Juden in Chişinău, was einem Anteil von etwa 12 Prozent an der Gesamtbevölkerung entsprach; bis zur Volkszählung 1897, als die Stadt offiziell rund 108.000 Einwohner zählte, hatte sich die Anzahl der Juden auf über 50.000 verfünffacht. Um die Jahrhundertwende stellten Juden also die größte Bevölkerungsgruppe in Chişinău.

Im Zuge der Industrialisierung waren Fabriken entstanden, die sich zu großen Teilen in jüdischem Besitz befanden. Aber auch die Arbeiterschaft war zu großen Teilen jüdisch. Juden waren in allen Gesellschaftsschichten vertreten, und die jüdische Gemeinde spielte eine wesentliche Rolle in der Entwicklung sowie im sozialen und wirtschaftlichen Leben der Stadt.

Von einschneidender Bedeutung für das jüdische Leben in Chişinău erwiesen sich die Pogrome in den Jahren 1903 und 1905. Es gab in den 1880er Jahren bereits antisemitische Ausschreitungen im Russischen Reich, aber die Gewaltexzesse rund um Ostern 1903 waren von neuer Qualität: 49 Juden wurden getötet, über 600 verletzt, dazu wurden hunderte Häuser und Geschäfte zerstört und gebrandschatzt. Die Pogrome von Chişinău stellten weit über Bessarabien hinaus eine Zäsur dar. In den folgenden Pogromen 1905 wurden weitere 19 Juden getötet. Welche Folgen die Gewalt auf jüdisches Leben in Chişinău ausübte, wird im AudioWalk thematisiert.

Während des Ersten Weltkriegs waren Juden Opfer russischer Regierungspolitik und Massendeportationen aus den Kriegsgebieten. Ab 1918 gehörte Chişinău dann zum Königreich Rumänien. Wenngleich die jüdische Bevölkerung von der rumänischen Verwaltung Diskriminierungen unterworfen war, blühte in der Zwischenkriegszeit das jüdische Gemeindeleben auf. David Wainshelboim, 1928 in Chişinău geboren, gewährt im Interview mit Centropa einen Einblick in seine Kindheitserinnerungen an jüdisches Leben in den 1930er Jahren:

In meiner Kindheit war Chişinău eine ziemlich große Stadt. Sie hatte moldauische, russische, jüdische, griechische, armenische, bulgarische und polnische Bevölkerungsteile. Wir lebten in der jüdischen Gegend im Zentrum der Stadt. Die Juden waren in Handwerk und Handel tätig. Es gab auch jüdische Ärzte und Anwälte. […] Es gab bis zu 65 Synagogen und Gebetshäuser in der Stadt. Neben religiösen Einrichtungen existierten jüdische Schulen für Jungen und Mädchen, Kinderheime für Waisenkinder und Kinder aus armen Familien, Altersheime, ein jüdisches Krankenhaus und ein entwickeltes Wohltätigkeitsnetz. Junge jüdische Menschen waren von zionistischen Ideen angetan. Obwohl wir uns zu Hause an Traditionen hielten und jüdische Feiertage feierten, gab mein Vater der Wissenschaft und der Bildung den Vorrang. Er gehörte der fortschrittlichen jüdischen Intelligenz an und arbeitete […] als Kinderarzt.

Auch Polina Leibovich gewährte Einblicke in das geschäftige und vielschichtige jüdische Leben im Chişinău ihrer Kindheit:

Es gab eine Ober- und eine Unterstadt. Die Unterstadt war eine arme und schmutzige Gegend. Die Oberstadt war ein mondäner Ort […]. In der Alexandrowskaja-Straße gab es schicke Geschäfte. Eines der größten Geschäfte war das Bekleidungsgeschäft Barbalat. […] Es bezog seine Waren aus Frankreich und anderen europäischen Ländern. […] Diese Geschäfte waren für wohlhabende Leute. Es gab auch kleine Geschäfte. Die meisten davon gehörten jüdischen Eigentümern, aber es gab auch Geschäfte in russischem Besitz. […] Die Einwohner von Chişinău gingen früher entlang der Aleksandrovskaja-Straße in der Nähe des Triumphbogens flanieren. Mütter und Kindermädchen spazierten mit kleinen Kindern auf dem Boulevard.

Im Sommer 1940 übernahmen sowjetische Behörden für ein Jahr die Kontrolle über Chişinău. In dieser Zeit wurden mehr als eintausend Juden nach Sibirien deportiert, insbesondere Zionisten und wohlhabende Geschäftsleute. Am 16. Juli 1941 kamen deutsche und rumänische Truppen in die Stadt. Hunderte Juden wurden in den folgenden Monaten ermordet, über 11.000 in das errichtete Ghetto gezwungen, und von dort aus in transnistrische Lager deportiert. Nur wenige Chişinăuer Juden überlebten diese Lager.

In der Nachkriegszeit befanden sich rund 5.000 Juden in Chişinău. In sowjetischer Zeit existierte lediglich eine Synagoge in der Stadt, jüdisches Leben wurde weitreichend unterdrückt, obwohl die jüdische Gemeinde bis 1970 wieder auf an die 50.000 Mitglieder angewachsen war. In den 1970er Jahren wanderten tausende Juden aus, die meisten nach Israel. Als die Republik Moldau 1991 ihre Unabhängigkeit erklärte, sollen etwa 35.000 Juden in der Hauptstadt gelebt haben. Bis in die Gegenwart ist ihre Zahl auf wenige Tausend gesunken. Seit 1989 hat sich allerdings wieder ein reges jüdisches Gemeindeleben in der Stadt etabliert, unterstützt durch jüdische Hilfsorganisationen. Im Stadtbild erinnern Denkmäler an das einst blühende jüdische Leben Chişinăus – und an die bittersten Momente in der jüdischen Geschichte der Stadt.

Tauchen Sie ein in die reiche jüdische Geschichte von Chişinău! Wir wünschen viel Spaß beim Erkunden des jüdischen Chişinăus mit unserem AudioWalk!

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Alle Stationen vom Chișinău Audiowalk

Jüdischer Friedhof

„Der Friedhof wurde nach dem Krieg zerstört, als die sowjetischen Behörden versuchten, die Erinnerung an die Juden, die in dieser Stadt gelebt hatten, zu zerstören. Jetzt gibt es an dieser Stelle einen Park, der heute fast zum Zentrum von Chișinău gehört.“ – Boris Dorfman

Choral-Synagoge

„Ich erinnere mich noch gut daran, dass mein Vater an den Feiertagen seinen schwarzen Anzug anzog und mit meiner Mutter in die Choral-Synagoge, die größte Synagoge in Chișinău, ging […] Die Synagoge war sehr schön, und es waren viele Menschen darin.“ – Bella Chanina

Gleizer Shil

Die Gleizer Shil spielte nach 1945 eine wichtige Rolle für das jüdische Leben in Chișinău , da die sowjetischen Behörden der jüdischen Gemeinde lediglich die Nutzung eines einzigen religiösen Raums erlaubten.

Lemnaria Synagoge

Die ehemalige Lemnaria-Synagoge wurde 1835 erbaut und war über 100 Jahre lang eine der zentralen Synagogen der Stadt. Heute ist es die Heimat der jüdischen Gemeinde, eines jüdischen Kulturzentrums sowie verschiedener jüdischer Wohltätigkeitsorganisationen und Jugendorganisationen.

Alexandrowskaja-Straße

„Die Alexandrowskaja-Straße war wie die meisten Straßen in Chişinău mit Kies gepflastert. Es fuhr dort eine Straßenbahn und es gab einstöckige Häuser, einige von ihnen waren schön. Viele Geschäfte in der Alexandrowskaja-Straße gehörten Juden.“ – Zlata Tkach

Будівля єврейської лікарні

Jüdisches Krankenhaus

Das ehemalige jüdische Krankenhaus wurde 1817 gegründet. Mit der Vergrößerung der jüdischen Gemeinde, wurde es erweitert. Bis zur Verstaatlichung im Jahr 1940, gehörten ein Armenhaus und eine Synagoge zum Krankenhaus.

Shlima Goldstein, zweite von rechts in der ersten Reihe

Jüdisches Waisenhaus

Das Waisenhaus für jüdische Mädchen wurde 1920 eröffnet und war bis zu seiner Schließung 1940 die Heimat der Centropa-Interviewpartnerin Shlima Goldstein.

Liceul Dadiani

Das Gebäude von „Liceul Dadiani“ wurde 1901 als Mädchenhochschule errichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente es bis 1964 als Hauptquartier des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei.

Licurici Puppentheater

Französisches Gymnasium Jeanne D’Arc

„Nach dem Abschluss der Grundschule besuchte ich das französische Gymnasium Jeanne d’Arc. Es war ein privates Gymnasium, das prestigeträchtigste und teuerste der Stadt. „

Mädchenschule Regina Maria

Das Mädchengymnasium „Regina Maria“ wurde 1864 als Privatschule für Mädchen aus angesehenen Familien in Chişinău gegründet. Unter ihren Schülern waren die Centropa-Interview-Partnerinnen Sarra Shpitalnik und Zlata Tkach.

Berufsschule für jüdische Mädchen

Die Schule wurde 1885 auf Initiative der bessarabischen Eliten gegründet und spielte eine wichtige Rolle für die ärmsten jüdischen Familien: Die Ausbildung war kostenlos, die besten Schüler erhielten Stipendien und die Schule organisierte kostenlose Sommerlager.

Stadtpark

„Junge Leute trafen sich zum Spazierengehen im Stadtpark, wo sich das Denkmal von Stefan dem Großen befindet. Ich war gerne in diesem Park, um auf einer Bank mit einem Buch zu sitzen und heimlich die verliebten Paare zu beobachten.“ – Polina Leibovich

Villa Kligman

In der Villa Kligman lebte eine der bekanntesten jüdischen Familien aus Chişinău. Es wurde 1898 im Auftrag des Anwalts Moses Kligman erbaut.

Stolperstein (für Moise Berliand)

Ein in den breiten Bürgersteig eingelassener Stolperstein erinnert an Moise Berliand, der nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet wurde.

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